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FILMFEST MÜNCHEN MAGAZIN 2018

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ERÖFFNUNGSFILM 6 Zähne

ERÖFFNUNGSFILM 6 Zähne ZEIGEN mackie messer – brechts dreigroschenfilm eröffnet das 36. filmfest münchen Regisseur und Werk vereint: Joachim A. Lang und seine Brechtschen Figuren

ERÖFFNUNG Am Donnerstag, den 28. Juni um 19.00 Uhr, wird im Mathäser Filmpalast das 36. filmfest münchen mit Joachim A. Langs mackie messer – brechts dreigroschenfilm eröffnet. Zur Weltpremiere werden neben Regisseur Joachim A. Lang auch Lars Eidinger, Tobias Moretti, Hannah Herzsprung, Joachim Król, Claudia Michelsen, Britta Hammelstein, Robert Stadlober, Peri Baumeister, Godehard Giese und weitere Teammitglieder erwartet. Neben der Eröffnung (nur auf Einladung) gibt es weitere Gelegenheiten, den Film zu sehen: Er läuft regulär am Freitag, 29. Juni, 20.30 Uhr, und Samstag, 7. Juli, 17.30 Uhr, beide Male im Rio 1 in der Reihe „Neues Deutsches Kino”. Am Freitag, 29. Juni, sind Regisseur Joachim A. Lang und Stars des Films um 18 Uhr bei filmmakers live in der Black Box zu erleben. An einer einzigen, entscheidenden Stelle von mackie messer – brechts dreigroschenfilm wendet sich Bertolt Brecht via Kamera unmittelbar dem Zuschauer zu: „Wer die Handlung nicht begreift“, so Lars Eidinger in seiner Verkörperung des idealistischen Autors, „braucht sich nicht den Kopf zu zerbrechen – sie ist unverständlich.“ Diese direkte Ansprache versucht, einen theatralen Kniff Brechts direkt ins filmische Medium zu übersetzen: die Aktivierung des Publikums zu wachen Rezipienten. Bertolt Brecht war ein visionärer Theatermann – und erkannte als solcher das unglaubliche Potential des neuen Mediums Film: die Geburt eines ‚epischen Kinos‘, sozusagen aus dem Geist seines epischen Theaters. Die aufstrebende Filmindustrie setzte dagegen auf das kommerzielle Potential der Lichtspiele. Und so investierte die Nero-Film AG 1928, unmittelbar nach dem unglaublichen Erfolg der Dreigroschenoper, in eine Verfilmung dieser ganz neuen Art von Oper, zu der Kurt Weill die Klänge zwischen Gassenhauer und Avantgarde geliefert hatte. Regie sollte Georg Wilhelm Pabst führen, als Skriptgeber sollte Brecht agieren. Diese Dialektik von künstlerischem Idealismus und ökonomischen Zwängen barg enormes Konfliktpotential. Um nichts weniger als die Zukunft des Kinos ging es: als Medium der Unterhaltung oder der Anregung zum Denken, gar Handeln. Bald beschuldigte die Filmgesellschaft den idealistischen Autor, dem Film eine „ausgesprochen politische Tendenz“ geben zu wollen. Die Nero AG schloss Brecht von der Produktion aus, der daraufhin einen Zivilprozess um ein Aufführungsverbot anstrebte. Es ist sicher kein Zufall, dass er auch als Dramatiker als theatrales Stilmittel Gerichtsszenen liebte, die dem Publikum eine eigene Meinung abverlangen. Im wahren Prozess wurde die Klage abgewiesen, und so feierte Pabsts die dreigroschenoper am 19. Februar 1931 in Berlin ihre Premiere – in einer Version, in der die Vorstellungen Bertolt Brechts weitgehend unberücksichtigt blieben. Mit mackie messer – brechts dreigroschenfilm verhilft Joachim A. Lang den Intentionen des Autors zu ihrem Ausdruck: in einem Film über den Film. Ein Stilmittel, wie es Bertolt Brecht gefallen würde, der stets die „Vorgänge hinter den Vorgängen“ beleuchten wollte. Das gilt auch für Langs Spiel mit dem berühmten „V-Effekt“: wenn er etwa auf Geheiß des Autors zwei Monde über dem Landwehrkanal aufgehen lässt, wo Brecht und der Filmproduzent Seymour Nebenzahl (Godehard Giese) von einer Brücke die Liebeszene zwischen Gangster Mackie (Tobias Moretti) und seiner Freundin Polly (Hannah Herzsprung) mitansehen, die der Autor in diesem Moment des Films über den Film imaginiert und damit eine Beobachtungsebene zweiter Ordnung besetzt: „Eine einfache Kopie der Realität reicht nicht aus.“ Zu den Brechtschen Kunstgriffen gehört auch die direkte Publikumsansprache Lars Eidingers, der ausschließlich in O-Tönen und Zitaten Bertolt Brechts zu Wort kommt und bis heute relevante Kulturkritik übt: „Der Film braucht die Kunst“ doziert er nickelbebrillt, in schwarzem Ledermantel und mit der ewigen Zigarre in der Hand oder zwischen den Lippen: „Es geht nicht darum, die Gewohnheiten des Publikums zu befriedigen – sondern sie zu verändern.“ Denn: „Wie soll Kunst die Menschen bewegen, wenn sie nicht von den Menschen bewegt wird?“ Joachim A. Langs Film lebt davon, die Überzeugungen Brechts über das Wesen der Kunst filmisch umzusetzen. Zu dessen Auffassung des Mediums Film als sozial relevanter Kunstform gehören auch die Reflexionen über das frühe Kino und seine Kommerzialisierung, die politische Inanspruchnahme der Künste am Vorabend des Totalitarismus sowie die Problematik artistischer Autonomie in Zeiten des Kapitalismus. Dabei löst der Regisseur den Widerspruch zwischen Kunst, Kommerz und Politik auf, indem er in seinem Film über Brechts Dreigroschenfilm theoretische Reflexion und wunderbare Bildideen so vereint, dass sein mackie messer beste Kinounterhaltung bietet. Dafür sorgt auch die Crème de la Crème der deutschen Schauspieler, welche die berühmten Figuren der dreigroschenoper verkörpern: Neben Lars Eidinger als Brecht-Medium entfaltet Tobias Moretti als schneidiger Mackie Messer charismatische Anziehungskraft. Hannah Herzsprung gibt eine intensiv emotionale Polly, während Joachim Król und Claudia Michelsen als Mr. und Mrs. Peachum ein brillantzynisches Bettler-Unternehmerpaar darstellen. Kaum zu erkennen ist Robert Stadlober, der bauchig und mit Halbglatze in seiner Rolle als Kurt Weill aufgeht. Tatsächlich ist mackie messer – brechts dreigroschenfilm auch ein Musical-Film mit und über Musik. So ist es ein weiterer schöner Brechtscher V-Effekt, wenn der ganz heutige, doch altmodische Crooner Max Raabe die „Moritat von Mackie Messer” vor der Kulisse des Landwehrkanals im Berlin des Jahres 2018 singt. ERÖFFNUNGSFILM Anna Schürmer 7

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