Aufrufe
vor 2 Wochen

FILMFEST MÜNCHEN MAGAZIN 2018

Das kostenlose Filmfest Magazin finden Sie im Festivalzentrum Gasteig und an den Filmfest-Kinos in München. Hier können Sie online im Magazin stöbern.

RETROSPEKTIVE LUCRECIA

RETROSPEKTIVE LUCRECIA MARTEL LUCRECIA MARTEL AUF DEM FILMFEST MÜNCHEN: Am Dienstag, den 3. Juli um 18 Uhr findet eine Hommage für Lucrecia Martel im Gloria Palast statt. Anschließend wird ihr aktueller Film zama gezeigt. Zuvor ist Martel um 15 Uhr bei filmmakers live! in der Black Box im Gasteig zu Gast. Am 4. Juli um 10.30 Uhr hält Lucrecia Martel außerdem eine Masterclass in der HFF München. Um Anmeldung unter sonderprojekte@hff-muc.de wird gebeten. 50

Retrospektive Vom Chaos zum Cocktail LUCRECIA MARTEL Eiswürfel klirren in den Weingläsern. Betrunkene Erwachsene schleifen geräuschvoll ihre Campingstühle über den Steinboden am Pool. Die Hitze lastet auf dem abgeschiedenen Landhaus, in dem zwei Familien ihre Sommerferien verbringen. Man sieht lethargische Leiber, sonnenverbrannt, und verwahrloste Kinder, die auf die Jagd gehen. Grillenzirpen, Vogel geschrei und Donnergrollen verdichten sich zu einer unheilvollen Atmosphäre. Die Mutter stürzt, zerschlägt ihr Weinglas und fällt in die Scherben, ist jedoch zu benommen, um selbst aufzustehen. Die minderjährigen Töchter ziehen ihr die Scherben aus dem Dekolleté und holen das Auto, um sie in die Klink zu fahren. Über die chaotische Szenerie ergießt sich ein tropischer Regenschauer. Der Sommer in dem Provinzort La Ciénaga im Nordosten Argentiniens: ein Morast (span. „la ciénaga“) der Dekadenz und Abgestumpftheit. Diese ersten Bilder von Lucrecia Martels la ciénaga lassen den Zuschauer physisch spüren, in welch marodem Zustand sich Argentiniens weiße Mittelschicht befindet. Mit ihrem Debütfilm, der sich konventionellen Erzählstrukturen verweigert, krempelte die Filmemacherin die Kinotradition ihres Landes um: la ciénaga gilt als Gründungsklassiker des Neuen Argentinischen Kinos. Eine junge Generation von Regisseuren und Regisseurinnen betrat um die Jahrtausendwende die Filmlandschaft und sorgte mit ihren Werken für eine radikal ästhetische Erneuerung der cineastischen Praxis. Plötzlich spielten Intuition und subjektive Wahrnehmung eine große Rolle. Viele kamen meist direkt von den erst kürzlich gegründeten Filmschulen in Buenos Aires. So auch Martel, die zunächst Kommunikationswissenschaften und dann Film an der Avellaneda Experimental und der Escuela Nacional de Experimentación y Realización Cinematográfica studierte. Schauplatz ihrer ersten drei Filme ist bezeichnenderweise ihre Heimat Salta, eine konservativ geprägte Provinzstadt im Nordosten Argentiniens, wo sie 1966 geboren wurde. Fern von der Hauptstadt, in der sich die Schrecken der Militärdiktatur abspielten, wuchs Martel in einer gutbürgerlichen Familie mit sechs Geschwistern auf. Als Kind bekam sie vom Vater eine Videokamera geschenkt und drehte Homevideos vom chaotischen Familienalltag. „Die Ereignisse in la ciénaga sind mir alle sehr vertraut. Natürlich ist der Film Fiktion, aber es gibt schon einen engen Zusammenhang zu meinem Leben“, RETROSPEKTIVE LUCRECIA MARTEL 51

Filmfest Munich

FILMFEST MÜNCHEN MAGAZIN 2018
FILMFEST MÜNCHEN MAGAZIN 2017

Socials