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FILMFEST MÜNCHEN MAGAZIN 2018

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SPOTLIGHT E S M U S S

SPOTLIGHT E S M U S S SCHWINGEN Stars aus aller Welt, von heute bis anno dazumal in der Reihe Spotlight 26 Einander Halt geben: Irrfan Khan in the song of scorpions

Im Scheinwerferlicht zu stehen erscheint manchen als verlockende Aussicht. Das Publikum liebt ja auch die Stars, und diese Reihe hier, Spotlight, zehrt von den großen Namen und den Ansprüchen, die man gegenüber den ganz Großen des Kinos und der anderen Künste hegt. Womit aber auch schon der Druck angesprochen ist, der auf jenen lastet, die es ganz nach vorne, ganz weit nach oben geschafft haben. Also: Ist das Rampenlicht eher Fluch oder Segen? Will man darin stehen oder anderswo, lieber Kamel sein als Reiter? In der Adaption eines Romans des mit britischem Understatement gesegneten Literaten Nick Hornby ist ein legendärer Indie-Rocker (Ethan Hawke) untergetaucht, lässt sich aber doch zu einer Email aus dem Karriere-Off hinreißen, als die Freundin eines Fans eins seiner Alben im Internet verreißt. Die Kritik führt bei Hornby zu einer hübschen Romanze. Tragisch hingegen verlief die große Karriere von Whitney Houston, auf deren Spuren ein Dokumentarfilm wandelt. Auch Michael Jackson galt trotz allen Ruhms nicht als glücklicher Star – sein Tod löst bei einem ägyptischen Fan eine Sinnkrise aus, aber im Kino kann ja eine Kopie nochmal alles in einem anderen Licht erscheinen lassen. Ebenfalls Stars der Musikszene sind der Filmkomponist Ryuichi Sakamoto, dessen Arbeitsweise beim Fertigstellen seines aktuellen Albums dokumentarisch beleuchtet wird; und die Gründer des Labels Blue Note Records, die alles in die Wege leiteten, damit auch afroamerikanische Genies wie Miles Davis oder Thelonious Monk die Laufbahn hatten, die ihnen talentgemäß zustand. it must schwing heißt dieser Film, was doch ein schönes Motto für die ganze Reihe ist. Denn irgendwas muss ja in Schwingung geraten, bei den Stars, bei den Charakteren, bei den Zuschauer*innen. Sonst geht das Scheinwerferlicht schnell aus. Spektakulär kann dabei alles Mögliche sein, zum Beispiel das minutiöse Mienenspiel von Charlotte Rampling. Die Ehefrau, die sie spielt, in Brüssel lebend, kämpft mit dem Daseinsschatten, in den sie durch ihren kriminellen Gatten hineingeworfen wird. Kelly MacDonald, hierzulande eher schändlich unbekannt, verkörpert auf der anderen Seite des Ozeans, in Connecticut, eine Hausfrau, die eine Leidenschaft fürs Puzzeln entwickelt. Eine neue Identität setzt sich da zusammen, ein Puzzleprofi assistiert bei diesem Prozess und könnte als Partner in ganz anderen Dingen passen. Der indische Kinostar Irrfan Khan spielt diesen, sicherlich netten, Kerl und taucht auch noch in der Wüste auf: als Kameltreiber, der sich in die Stimme einer Frau und damit in die ganze Frau verliebt. Die (Golshifteh Farahani) kennt sich aus in der mythischen Kunst des Skorpion-Singens, womit fatale Daseinsstiche geheilt werden sollen. Ein bisschen Magie darf schon sein, im französischen Kino sowieso. Jean Dujardin kehrt unverhofft unversehrt aus dem Krieg zurück, ist aber eher ein abgewrackter Held, der es mit der schlagfertigen Mélanie Laurent zu tun bekommt. Und Vincent Lindon soll als faktentreuer Journalist im Auftrag des Vatikans ein Marienwunder überprüfen. Ist das Licht, welches das Kino auf unsere Welt und all die Erscheinungen darin wirft, nicht sowieso: göttlich? Die hellsten Leuchten tauchen aus den irrsten Ecken auf, ein paar Raumfahrtpioniere kommen gar aus dem Schwabenländle. Und die letzten echten Regie-Cowboys reiten durch Schwabing: Münchens Bester Klaus Lemke gehört ins Rampenlicht, gemeinsam mit eigenwilligen Kinohelden wie einem 88- jährigen Schneider aus Buenos Aires oder einer Handvoll spanischer Basketballer mit einer Handvoll Handicaps. Aber was heißt schon Handicap? Im richtigen Licht besehen sind es ja genau die Macken und Fehler, die eine Figur, einen Film zum Glänzen bringen. Michael Stadler SPOTLIGHT 27

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