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FILMFEST MÜNCHEN MAGAZIN 2017

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STUNDE DER VERFÜHRER

STUNDE DER VERFÜHRER CINEMASTERS — ARRI/OSRAM AWARD 8 Louis Garrel und Stacy Martin in Michel Hazanavicius’ le redoutable

Schon gemein, dass sich unsere Beziehungen nicht einfach vom Flow romantischer Gefühle hinwegreißen lassen, sondern dass irgendwann sich Strukturen einschleichen, die denen von Wirtschaft und Politik ähneln. Dann geht es nicht mehr um Schmetterlinge im Bauch, sondern um Geben und Nehmen, um (Selbst-)Optimierung, um elende Machtverhältnisse. Also darum, wer im gemeinsamen Film des Lebens eigentlich die Regie führt. Nun beherbergt der Wettbewerb CineMasters gerade Kinowerke von ganz großen FilmemacherInnen, von denen man gerne wüsste, wie sie eigentlich arbeiten: diktatorisch streng oder doch eher kreativ chaotisch. Bei Michael Haneke lässt sich schon eine starke Stringenz in der, sicherlich liebevollen, Führung des Teams vermuten. Wenn er dann auch noch die Geschichte eines sterbenden Patriarchen mit happy end betitelt, dann ahnt der versierte Kinogänger, dass das Glück und das Ende sich eher ironisch reiben. Michel Hazanavicius hat Jean-Luc Godard eine filmische Hommage gewidmet. Die Revolution der 68er hat eine Anziehungskraft, der Godards Amour fou mit einer 20 Jahre jüngeren Frau womöglich nicht gewachsen ist. Der (fiktive) Regisseur in les fantômes d’ismaël sieht sich von zwei Lebensdamen umgeben, eine davon als Geist herumspukend, womit sich ein Beziehungsdreieck ergibt, dessen finale Koordinaten ausgedealt werden müssen. Böse Spielchen spielen die Bewohnerinnen einer Mädchenschule im US-Bürgerkrieg, besonders perfide, als ein verletzter Soldat ihr Begehren weckt. Sofia Coppola hat ihre Handschrift in den Dienst eines Thrillers gestellt und prompt den Regiepreis in Cannes gewonnen. Claire Denis schaut ebenfalls auf die Politik der Beziehungen, aus Sicht einer Frau in den besten Jahren, die nachhaltige Kuscheleien leider nicht erzwingen kann. Männer wollen nur das Eine, die Frauen das Andere oder das Gleiche, und in der mexikanischen Tiefebene landet ein Alien, das dieses Tohuwabohu noch mehr durcheinanderbringt. Und ein neuer Christus will Wunder bewirken. An sowas glauben die alten und jungen MeisterInnen hoffentlich auch, lassen immer mal wieder die Erzählstrategien fahren für spacige Momente. Denn die Stunde der Verführung kann doch in allen möglichen Tonlagen schlagen. Michael Stadler CINEMASTERS — ARRI/OSRAM AWARD 9

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