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FILMFEST MÜNCHEN MAGAZIN 2017

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1969 besangen die

1969 besangen die Hippies ihr Lebensgefühl mit der zur Formel gewordenen Liedzeile: „Let the sunshine in“. Die englische Entsprechung des Titels un beau soleil intérieur, den der neue Film von Claire Denis trägt, könnte paradoxer nicht sein. Keine romantische Komödie inszeniert die Grande Dame des französischen Kinos, eher eine Anti- Romcom und eine Art French nymphomaniac: eine dezentere und weichere Variation von Lars von Triers hartem Epos auf weibliche Sexualität und Sehnsucht. ERÖFFNUNGSFILM 6 ERÖFFNUNG Am Donnerstag, den 22. Juni, wird im Mathäser das filmfest münchen 2017 um 19.00 Uhr mit un beau soleil intérieur von Claire Denis eröffnet. Wer die Premiere im Rahmen der feierlichen Eröffnung (nur auf Einladung) in Anwesenheit von Claire Denis verpasst – dem bleiben weitere Gelegenheiten: Der Film wird außerdem am Freitag, den 23.6. um 21.30 Uhr im Filmtheater am Sendlinger Tor gezeigt. Zuvor gibt es um 16.00 Uhr die Möglichkeit, Claire Denis bei filmmakers live! in der Black Box zu erleben. Juliette Binoche in un beau soleil intérieur

Eine actrice, um die das französische Kino beneidet wird: Als Isabelle, eine erfolgreiche Künstlerin und anbetungswürdige, wenngleich nicht mehr ganz junge Frau, sucht Juliette Binoche die Liebe und ihren Seelenfrieden. Erfolglos. Bestenfalls im Augenblick des Aktes erreicht sie kurzfristige Höhepunkte, die von umso manischeren Tiefs abgelöst werden. Nur Umarmungen, breit und zärtlich inszeniert, gewähren kurze Schutzzonen des Glücks und lassen etwas Sonnenschein in ihre dunkle Seelenwelt einfallen. Wenig heiter bis überschattet ist Isabelles Liebes-Odyssee, die Claire Denis in scharf gestochenen Dialogen und spröde-elegant gezeichneten Bildern erzählt. Die erste Einstellung zeigt Isabelle nackt und entblößt. Über ihr ruckelt ein bärtiger Banker zum Höhepunkt. „Pass auf mich auf“, bittet sie, und er: „Ich will Du sein.“ Gefolgt von: „Du bist charmant – aber meine Frau ist extraordinaire.“ Isabelle ist eine außergewöhnliche Frau – wie ihre Darstellerin. Und dennoch, ja deshalb, will ihr weder der selbstgefällige Banker, noch der selbstmitleidige Schauspieler, mit dem sie ein äußerst spätpubertäres Fang-Mich spielt, dauerhafte Liebe geben. Der gefeierte Akteur beklagt seinen alltäglichen, den ewigen Trott – und doch betrachtet er seine Nacht mit der nach Liebe suchenden, gebrochenen Femme fatale in den Overknee-High-Heels als Fehler: „Das ist keine Liebesgeschichte“ – und macht sich aus dem Staub, um die zuhause versprochene Pizza abzuliefern. Eine andere Rolle spielt der als Fischverkäufer und mit Sepplhut verkleidete Philosoph, mit dem Isabelle erratische Dialoge über das Un/Glück spinnt, das ihr auf ihrem Road Trip von Mann zu Mann begegnet. Immer wieder sieht man sie auf der Fahrt: im Taxi, in der Metro, im Zug – der sie zu ihren kultiviert vom Leben entfremdeten Kunstfreunden aufs Land bringt, wo die Pariser bohémiens die Natur intellektuell vereinnahmen, bis es aus Isabelle herausschreit: „Tout est à vous! Tout tout tout!“ Alles, auch Isabell selbst, gehört ihnen: Aus ihrem innigen Tanz mit dem bodenständigen Sylvain kann deshalb keine Liebe werden, während ein hellsichtiger Kollege die depressive Sirene nicht näher als zu einem innigen Händehalten und einem einsamen Kuss kommen lässt: „Ce n’est pas une bonne idée“. Nur wenige Frauen stellt Claire Denis ihrer Isabelle zur Seite, die Geschäftspartnerin und eine Freundin, und nur mit ihnen sieht man sie befreit auflachen. Und dann ist da noch ihre Tochter. Ein Phantom des Glücks, auf das der Zuschauer nur einmal einen kurzen Blick erhaschen kann, wie auf einen flüchtigen Sonnenstrahl, der in die verhangene Tristesse einbricht: durch die Scheiben eines davonfahrenden Wagens. Am Steuer ihr Exmann, mit dem Isabelle liebevollen Sex hat, und der gerade deshalb für sie nicht zu ertragen ist: „Ce n’est pas naturel.“ Ist Liebe natürlich? Nicht oder gerade in un beau soleil intérieur, das Claire Denis als intimes Kammerspiel um männliches Zaudern und weibliches Sehnen inszeniert. Dass solche Rollenspiele nicht mehr tragen, darf am Ende Gérard Depardieu als mirakulöser Seher zeigen: Er gibt Isabelle die Hoffnung auf ein „Sunshine-In“ – und ist doch selbst nur ein Spiegel ihrer selbst: schillernd und tiefgründig, einsam und suchend. Spielte er die Rolle der Isabelle und sie den Therapeuten – es wäre dieselbe Geschichte: Das Mann- und das Frau-Sein ist vielleicht doch einfach nur Mensch-Sein. ERÖFFNUNGSFILM Anna Schürmer 7

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