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FILMFEST MÜNCHEN MAGAZIN 2017

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RETROSPEKTIVE SOFIA

RETROSPEKTIVE SOFIA COPPOLA 50 produziert. Nur bei ihrem Debüt the virgin suicides (1999) hielt sie die Machttriangel von Autorschaft, Regie und Produktion nicht vollständig in der Hand. Mag sein, dass ihre ersten Karriereschritte ein wenig gerader verliefen als die von anderen jungen FilmemacherInnen. Aber dieser kleine Startvorsprung erklärt eigentlich so gut wie gar nichts: nicht, dass sie für lost in translation 2004 als erst dritte Frau überhaupt (und als erste Amerikanerin) für einen Regie-Oscar nominiert wurde und den für das beste Originaldrehbuch sogar gewann; auch den Goldenen Löwen in Venedig für somewhere (2010) bekam sie nicht wegen ihrer Familienbande verliehen. Zuletzt erhielt sie für ihre aktuelle Arbeit die verführten (2017) den Preis für die Beste Regie beim Festival von Cannes – als erste Frau seit mehr als 50 Jahren. Stilsicher inszeniert sie wiedererkennbare Motive, besticht durch auffällige Zeitgenossenschaft und ihr untrügliches Gespür für den filmischen Raum und für die Erfahrung von Zeit. Die Selbstmord-Schwestern aus strengem Hause; der Schauspieler Bob Der Blick auf das Objekt der Begierde: Emma Watson in the bling ring und die studierte Philosophin Charlotte; die an den schönen Dingen des Lebens und daher gewiss nicht an der Politik interessierte Marie Antoinette; der gelangweilte Filmstar Johnny Marco – sie alle, so beschreibt es die Filmwissenschaftlerin Michaela Krützen, „verbringen ihre Zeit damit, sich die Zeit zu vertreiben“. Sie verlieren sich in ziellosen Bewegungen: Die neugierigen, liebeskranken Nachbarsjungen in the virgin suicides erträumen sich den Kontakt mit den isolierten Töchtern der Familie Lisbon – in Reisekatalogbildern. Was nebenan geschieht, ahnt niemand, doch sicher gibt es sie dort auch, die Momente vor der titelgebenden Katastrophe, in denen die Vorstellung des Außen fühlbar macht, wie eng es drinnen ist. lost in translation sind Bob und Charlotte, ihre Hotelzimmer in Tokio schützen sie vielleicht vor einem schwer zu navigierenden Moloch. Aber wo man Zuflucht braucht, schmerzt doch gerade die große Entfernung zur Heimat. Zwischen Champagnerpartys, Theaterbesuchen und der sinnfreien Etikette am Hofe von Versailles bleibt marie antoinette (2006) viel zu lange verborgen, wohin die Historie drängt. somewhere beginnt mit einer statischen Einstellung, die Johnny Marco beim Kreisfahren beobachtet, wieder und wieder zischt der schwarze Ferrari durchs Bild, bis er irgendwann stehenbleibt. Und die jugendliche Clique in the bling ring (2013) recherchiert zwar genau, wann die Villa welcher Promis ihren Raubzügen offensteht, doch einen anderen Zweck als die Eskalation in ein Mehr und Mehr und Mehr kennen ihre Luxusdiebstähle kaum. Aber die Zeit ist doch ein widerspenstiges Ding: Je heftiger sie zum Verschwinden gedrängt wird, desto lähmender macht sie sich bemerkbar. Sie will genutzt, nicht vertrieben werden. Daher besetzt sie manchmal die Erzählstruktur in Sofia Coppolas Filmen, die dem Peripheren, scheinbar Unwichtigen Raum geben und so ganz nebenbei die Illusion zerstören, es wäre möglich, dass nichts passiert. Noch einmal eine Runde im Ferrari. Noch einmal eine Drehung an der Pole-Stange, auch wenn der Kunde Johnny Marco gerade im Begriff ist einzuschlafen. Noch einmal auf dem Hotelfernseher einen Kanal weiterschalten, weil einen der Jetlag fest im Griff hat. Überhaupt, der Jetlag: Gibt es einen klareren Beweis

für die Macht der Zeit? Sofia Coppolas Filme erzählen auch davon, wie man im Übergang steckenbleibt. Zwischen den Jahren, wie es so schaurig schön heißt, und das auch noch im Hotel, mal wieder in diesem klassischen Nicht-Ort, hängt etwa Bill Murray as himself in a very murray christmas (2015) fest. Bis ein Ereignis von draußen, ein gigantischer Stromausfall, sein ganzes kreatives Potenzial in diesem Mikrokosmos freisetzt. Ansonsten aber, wie Murray es schon in lost in translation spüren ließ, schließen sich Hotelwände wie Gefängnismauern. Sie ersticken. Und gleichzeitig verschonen sie vor der ganzen wuselnden Komplexität vor den Türen. Freilich: Man kommt nicht dorthin, um zu bleiben. Nicht einmal Johnny Marco, der das Chateau Marmont, ein Starhotel am Sunset Boulevard mit bewegter Geschichte, anscheinend als ewiges Zwischenreich für sich auserkoren hat. Für sich alleine. Hotels sind sowieso nicht – und bei Sofia Coppola schon gar nicht – für zwei Partner gedacht oder gar für eine Familie. Ein Mensch entspannt oder vegetiert da einsam in einem Raum vor sich hin; einem Raum, der nicht nur mit seiner Enge bedrückt, sondern auch mit seiner Austauschbarkeit langweilt. Die Kamera kann kaum anders, als diesen Menschen in die Gesichter zu schauen. Und diese Einsamkeit ist eine wunderbare Projektionsfläche für Schauspieler. Bill Murray und Elle Fanning gehören zu denen, die immer wieder gerne mit Sofia Coppola zusammenarbeiten; mit Kirsten Dunst hat sie schon drei Filme inszeniert. In dem für Netflix produzierten a very murray christmas flitzen die Stars nur so über den Bildschirm: Chris Rock schaut kurz vorbei, George Clooney und Miley Cyrus etwas länger. Doch all das ist nur ein Traum – oder Weihnachten, was aufs Gleiche rauskommt. Die opulent verzierte Fassade von marie antoinette mit Kirsten Dunst Zweisam einsam: Bill Murray und Scarlett Johansson in lost in translation Die Wirklichkeit hingegen hält womöglich den Schmerz der Erkenntnis bereit. Selbst Johnny Marco checkt irgendwann aus dem Hotel aus, der schwarze Ferrari fährt stetig voran ins Ungewisse. Marie Antoinette allerdings, die bei Coppola im unwirklichen Prunk von Versailles zunächst unglücklich, dann lustvoll ersoff, kostete der Aufbruch aus dem goldenen Käfig bekanntlich den Kopf. Scheinbar undurchdringliche Grenzen stehen den ziellos Handelnden im Weg: die zwischen Regierenden und Regierten zum Beispiel, oder die zu einem verwirrenden Kulturraum wie in lost in translation. Manche können tatsächlich nicht überwunden werden, gerade die profansten, spießbürgerlichsten, von denen the virgin suicides erzählt. Umso verwunschener und erwünschter wird der Zauber des Landes jenseits dieser Grenzen. Und wenn, wie es das Sprichwort sagt, Grenzen wirklich nur dazu da sind, um überschritten zu werden, dann zeigt the bling ring den Kater nach dem Rausch der Transgression: Schuhe, Schmuck, Schusswaffen, schwedische Gardinen. Das Kino von Sofia Coppola ist für die einen Pop, für die anderen girlhood, für dritte ein Kino der Oberfläche (was nicht zu verwechseln ist mit Oberflächlichkeit). Die „Vogue“ rief die Regisseurin, die in den Neunzigerjahren das Modelabel Milk Fed gründete, gar zur „ultimativen Stilikone“ dieses Jahrzehnts aus. Ihre Filme selbst setzen sich in die unangenehme Lücke zwischen dem Sehen und dem Erkennen, zwischen Blick und Begierde: marie antoinette und the bling ring wurden an Originalschauplätzen gedreht, in den Palästen von damals und heute, bei Paris (in Versailles) und bei Paris (Hilton). Die Ausstattung droht bisweilen das Bild zu sprengen mit ihrem grellen, farbigen Glitzern. Doch wie leicht lässt sich die Leere hinter diesen so detailverliebt und gleichzeitig opulent verzierten Fassaden erahnen! the virgin suicides kehrt diese Dialektik um: Coppola verweigert den Blick auf das Objekt der Begierde, auf die Lisbon-Schwestern, die den Knaben nur desto verführerischer erscheinen, RETROSPEKTIVE SOFIA COPPOLA 51

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