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FILMFEST MÜNCHEN MAGAZIN 2017

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VOM WERDEN UND VERGEHEN

VOM WERDEN UND VERGEHEN NEUES DEUTSCHES FERNSEHEN 102 Mit leerer Flasche voll im Nass: Armin Rohde in Lars Beckers Krimi der gute bulle

Beginnen wir mit einem Klischee: Der deutsche Fernsehfilm zeigt sich vor allem verbunden mit Vätern, Töchtern, Söhnen und Müttern. Und mit den Toten. An Krimis herrschte noch nie Mangel in der einheimischen TV-Landschaft, an Milieustudien der bürgerlichen Familie ebenso wenig. Das stimmt. Und ist doch falsch. Weil keine Mutter, kein Täter, kein Opfer dem anderen ähnelt, beschreiben solche Etikettierungen die Menschen so schlecht wie die Genre- Schubladen die jeweiligen Filme. Manchmal verflechten sich scheinbar starre Rollen ineinander, im Leben wie auf dem Fernsehschirm – etwa wenn ein Polizist den Sohn einer Getöteten bei sich aufnimmt und zum Vater wird in einer Geschichte vom Aneinander-Aufwachsen, die weder als Krimi noch als Familiendrama akkurat beschrieben wäre. Da entstehen neue Gemeinschaften: etwa in einer Küstenkomödie, in der zwei Dickköpfe aus zwei Generationen sich zusammenraufen müssen. Auch in Frankreich bekommt die Menschheit Zuwachs, beim Schüleraustausch, von dem Teenagerin Ella das wichtigste Souvenir in ihrem Bauch nach Hause bringt. Die Formen des Zusammenlebens befinden sich eben im andauernden Wandel, und welches Medium wäre besser geeignet als das Fernsehen, um diese Binsenweisheit zu erfüllen mit Gefühl, mit Menschlichkeit, mit Anspannung, Nervosität, Versöhnung, Glück, Trauer und Kampf? So wie Familien zusammenwachsen, so können sie selbstredend auch zerbrechen: an einer Katastrophe zum Beispiel, die eine junge Frau zur aggressiven Scheintoten macht, oder an einem windigen Burschen, der die Tochter so fest an sich bindet, dass sie ihm wirklich überall hin folgt. Ein Ehemann, der erkennt, dass er ein Anderer ist, lässt alle Gefüge bröckeln, die er um sich herum gebaut hat. Ein Sohn gerät unter Verdacht. Schnell mutieren Vertraute zu Fremden. Familie ist in unseren Fernsehfilmen kein statisches Gebilde, auf das sich von außen schauen ließe – daher beschreiben die Filmemacher lieber das Entstehen, Überleben oder Vergehen dieser Gemeinschaften, die man Familien nennen kann oder auch nicht. Doch der Blick geht nicht nur nach innen, sondern richtet sich auch scharf und präzise auf die leidvolle Historie, auf die Inquisition, auf das sinnlose Sterben an verlorenen Fronten, auf die Jagd nach Abweichlern jeglicher Couleur. Die Rebellion hat heute freilich längst ihren Marktwert, und wenn durchgeknallte Firmenbosse auf biedere Anzugträger losgelassen werden, dann scheint tatsächlich alles möglich: Die Zukunft ist das Geschäft, und Coolness ist seine Währung. Überhaupt sind die Zeiten vorbei – so es sie denn jemals gab –, in denen Fernsehfilme mit ihrer Berechenbarkeit beruhigten. Blitze zucken, Nebel wabert noch bis in Krankenhaustoiletten hinein, alle Zuflüchte sind versperrt, wenn der blanke Horror das Format eines Krimis sprengt. Grenzen sind bekanntlich dazu da, überschritten zu werden – und wer dies zuallerletzt vom deutschen TV erwartet, der darf sich auf ein paar Überraschungen gefasst machen. Tim Slagman NEUES DEUTSCHES FERNSEHEN 103

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